Personaldienstleister sind Kummer gewöhnt. Wirtschaftliche Krisen bekommen befristet eingesetzte Arbeitnehmer besonders deutlich zu spüren. Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Zeitarbeitskräfte der verschiedenen Branchen aus? Inzwischen gibt es Anlass zu verhaltenem Optimismus. Die Pandemie hat deutliche Spuren im Arbeitsmarkt hinterlassen, wie Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit zeigen: über 600 000 Arbeitslose mehr als vor Jahresfrist, viele Beschäftigte noch immer in Kurzarbeit: Besonders betroffen ist das Verarbeitende Gewerbe der Metall-, Elektro- und Automobilindustrie. Nach dem Auftragseinbruch von knapp 37 Prozent im April, teilt der Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP) mit, lag die Produktion im Juni noch immer um acht Prozent unter dem Vergleichswert von 2019. „Das wirkt sich negativ auf die Nachfrage nach Zeitarbeitskräften aus“, so der Verband.

Inzwischen mehren sich jedoch die Anhaltspunkte für eine leichte Erholung. Die Politik vertraut darauf, dass der Aufschwung sich noch in diesem Jahr bemerkbar machen könnte. Neuesten Arbeitsmarktdaten der Bundesanstalt für Arbeit zufolge hat sich die Zahl der beschäftigten Zeitarbeitskräfte im Juni erstmals wieder erhöht, wenn auch nur geringfügig um 4600 auf insgesamt 630 600 Kräfte. Laut IG Zeitarbeit, dem zweiten Zeitarbeitsverband neben dem BAP, wird die Trendumkehr von einer starken Nachfrage in Logistik und Güterverkehr angetrieben. Auch in der Industrie werden wieder Zeitarbeitskräfte gesucht.

Die Stimmung hellt sich auf

Dass die Nachfrage nach temporären Kräften wieder aufflammt, lässt sich eindeutig an den Stellenangeboten der Personaldienstleister ablesen. Nicht nur die ohnehin kaum vom wirtschaftlichen Einbruch betroffenen höher qualifizierten Fachkräfte und Experten sind gesucht. Auch für die überwiegend in Kurzarbeit geschickten un- und angelernten Kräfte und jene mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung zieht die Nachfrage wieder an. So sucht I.K. Hofmann Helfer im Heizungsbau, in der Möbelmontage oder der Maschinenführung. Auch für Lackierer, Schlosser und Mechaniker im KFZ-Handel sowie in der Industrie gibt es wieder mehr Verwendung. Die Stimmung in der Zeitarbeit hellt sich allmählich wieder auf.

Zuversicht herrscht auch bei Robert Half. Der Personaldienstleister ist auf Finanz- und Vertriebsprofile spezialisiert. Wie es heißt, sind Kräfte mit einer kaufmännischen Ausbildung besonders begehrt. Vorrangig gesucht seien demnach Mitarbeiter für das Back Office und die Auftragsabwicklung sowie Sachbearbeiter in der Buchhaltung. Zu den größten Entleihern zählen Robert Half zufolge Firmen im Investment Banking sowie IT-Dienstleister und Versicherungsbetriebe.

Nahezu unbeschadet kann auch die Bauwirtschaft ihren Kurs fortsetzen. Nach Angaben des auf diese Branche spezialisierten Personaldienstleisters Cobalt herrscht eine rege Nachfrage in der Arbeitnehmerüberlassung. Kaufmännische und höher qualifizierte Profile, wie etwa für die Bau- und Projektleitung, seien zum Beispiel gefragt. Für Tätigkeitsprofile im technischen Umfeld stünden kaum noch Kandidaten zur Verfügung, teilt eine Sprecherin mit.

Planungssicherheit ist ein Fremdwort

Der Fachkräftemangel ist so stark ausgeprägt, dass viele Entleiher die Zeitarbeit als Rekrutierungsinstrument nutzen. „Temp-to-perm“ entpuppt sich laut Cobalt als Renner: Drei von vier Zeitarbeitskräften erhielten ein Übernahmeangebot. Gänzlich anders steht es um die Aussichten für Helfer auf Baustellen. Hier ist die Leiharbeit ausdrücklich verboten.

Fügt man alle Hinweise zu einem Bild zusammen, könnte der Zeitarbeitsbranche durchaus eine kräftige Erholung bevorstehen. Dennoch sollten die Akteure vorsichtig zu Werke gehen und auf Rückschläge gefasst sein. Von einem Aufschwung, wie ihn die Zeitarbeit nach der Finanzkrise erlebt habe, „sind wir noch weit entfernt“, betont Christoph Kahlenberg, Arbeitsmarktexperte von Randstad.

Solange die Pandemie anhält, bleibt Planungssicherheit für viele Ver- und Entleiher ein Fremdwort. Selbst wenn man Corona außer Acht lässt, stehen dem Markt tiefgreifende Umbrüche bevor. Gerade der Strukturwandel in der Automobilbranche, auf die ein großer Anteil der Arbeitnehmerüberlassung entfällt, wird laut Kahlenberg dazu beitragen, dass künftig wesentlich weniger Menschen beschäftigt sein werden als bisher. Vom aktuellen Nachfragerückgang besonders betroffen sind demnach Zeitarbeitskräfte mit einem geringen Qualifikationsniveau, denen es an Berufserfahrung oder Sprachkenntnissen mangelt – allen voran Geflüchtete, die in der Zeitarbeit laut Kahlenberg in großer Zahl beschäftigt sind.

Branchenbezogene Unterschiede

Marktbeobachter wie Thomas Ball von Lünendonk & Hossenfelder empfehlen deshalb, die aktuelle Nachfrageentwicklung möglichst differenziert zu beurteilen. Nicht alle Helfer sind demnach von Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit betroffen. Wie gut ihre Beschäftigungsperspektiven zu beurteilen sind, hänge vielmehr von der jeweiligen Branche ab.  „Zumindest im städtischen Raum sind Hilfskräfte in Logistik, Lebensmitteleinzelhandel und Sicherheit unverändert gefragt“,beobachtet der Zeitarbeitsexperte.

Ebenfalls lebhaft entwickelt sich Ball zufolge die Nachfrage nach Mitarbeitern für Food Delivery und Instandhaltung. Ob Heizung, Sanitär oder Aufzüge: Selbst geschlossene Bürohäuser müssten regelmäßig in Schuss gehalten werden, wovon auch Mitarbeiter im Reinigungsservice profitierten. „Sie sind infolge der verschärften Hygienevorschriften ganz besonders gefragt.“ Wer einen handwerklichen Beruf erlernt hat, kann sich den Job quasi aussuchen. Denn viele Unternehmen nutzten die Coronazeit, um aufgeschobene Renovierungs- oder Umbaumaßnahmen in Angriff zu nehmen.

Ein weiteres Segment, das sich einer einheitlichen Beurteilung verweigert, ist die kaufmännische Zeitarbeit. Studien gehen häufig davon aus, dass die Digitalisierung gerade hier unweigerlich zu tiefen Einschnitten im Personalbestand beitragen werde. Doch davon ist aktuell wenig zu sehen, wie Ball analysiert. Im Gegenteil: So habe die zur wirtschaftlichen Erholung eingeführte Mehrwertsteuersenkung geradezu einen Nachfrageschub in der kaufmännischen Zeitarbeit ausgelöst. „Am meisten profitieren Steuerfachleute in Beratungsbüros und der Wirtschaftsprüfung.“

Es bleibt spannend

Überraschend ist auch, wie sich Ball zufolge die Nachfrage nach IT-Experten und Pflegekräften entwickelt. Zwar bleiben für anspruchsvolle Aufgaben rund um die Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung höher qualifizierte Zeitarbeitskräfte weiterhin stark gesucht. Doch auch in diesem bisher florierenden Zeitarbeitssegment hat Corona zu einer Atempause beigetragen. „Viele Entleiher stoppen ihre Projekte, was besonders IT-Fachkräfte und deren Verleiher betrifft“, erläutert Ball. Auch die Vermittler von IT-Freelancern verzeichneten kräftige Vermittlungseinbußen.

Ähnlich in Mitleidenschaft gezogen ist auch die Alten- und Krankenpflege. Das Zeitarbeitssegment, das zuletzt dank einer kräftigen Nachfrage von sich reden machte, stagniert derzeit. „Ein Corona-Effekt ist bisher ausgeblieben“, sagt Thomas Ball. Aus mehreren Gründen: Zum einen übernähmen die Kassen nicht wie erhofft den Mehraufwand, der durch die Arbeitnehmerüberlassung entstehe. Zum anderen agierten Kliniken als Entleiher vorsichtiger, auch aus Sorge vor weiterer Regulierung. Letztlich, so Ball, habe die im Vergleich zu anderen Ländern entspannte klinische Versorgung von Corona-Patienten den Bedarf an Zeitarbeitskräften deutlich gedämpft.

Um eine vorsichtige Bilanz zu ziehen: Der Zeitarbeit steht ein kaum vorhersehbarer Winter bevor. Kräftige Erholung dank wirtschaftlichem Aufschwung ist ebenso möglich wie ein erneuter Einbruch. Für die Verantwortlichen wie die Beschäftigten bleibt es eine Zitterpartie, aber der Hoffnungsschimmer bleibt.

Quelle: https://www.personalwirtschaft.de/recruiting/personaldienstleister/artikel/zeitarbeit-zitterpartie-mit-hoffnungsschimmer.html?utm_source=+CleverReach+GmbH+%26+Co.+KG&utm_medium=email&utm_campaign=2020-k41-pwt-nl&utm_content=Mailing_13725725

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